Erziehung ist kein eindeutiges Ding, das man in ein paar Sätzen erklären kann. Sie ist kein Werkzeug, kein Rezept, kein Programm. Sie ist vielmehr ein Prozess und ein Streitpunkt.
Ein Prozess, bei dem es darum geht, wie Menschen wachsen, lernen und sich entwickeln.
Ein Streitpunkt, weil es ganz unterschiedliche Meinungen gibt.
In diesem Beitrag gehen wir der Frage „Was ist Erziehung?“ nach. Mit drei Perspektiven:
- Was bringt das Kind mit?
- Was gibt die Umwelt?
- Und was macht das Kind selbst?
Was ist Erziehung?
Die Frage „Was ist Erziehung?“ ist nicht einfach zu beantworten. Wir werden keine ganz klaren Antworten finden. Aber das sollte uns nicht davon abhalten, nach Antworten zu suchen. Im Gegenteil: Wir sollten genau deshalb noch mehr darüber nachdenken.
In diesem Blog-Beitrag versuchen wir, die Frage nach der Erziehung vom Ziel her zu klären. Wenn wir wissen, was das Ziel der Erziehung ist, können wir vielleicht besser verstehen, was Erziehung überhaupt ist.
Ich möchte hier einen Vorschlag aus der Literatur aufgreifen: Nämlich, dass das Ziel der Erziehung die Entwicklung ist. Diese Idee wurde erstmals 1972 diskutiert und ganz aktuell wieder neu betrachtet.
Was wiederum genau das Ziel der Entwicklung ist, lassen wir hier offen. Nur so viel dazu: Wir verstehen Entwicklung positiv. Als Entfaltung. Als einen Prozess, bei dem sich etwas verändert. Vom Beginn an, über verschiedene Phasen, bis heute oder in die Zukunft hinein.
Im Blog-Beitrag Eltern-Selbstreflexion: Die vergessene Grundlage der Kinder-Erziehung erzählt Papa Christopher persönlich aus seinem Familien-Alltag. Was ihn dabei bewegt, herausfordert und wie er und seine Frau die Kinder-Erziehung verstehen.
Entwicklung als Ziel der Erziehung.
In der Entwicklungspsychologie sind sich die meisten einig: Drei Dinge müssen zusammenwirken, damit sich eine Person entwickeln kann:
- Was jemand von Geburt an mitbringt (Anlage),
- Die Umgebung, in der jemand lebt (Umwelt),
- Und dass die Person selbst aktiv mitmacht (Eigenaktivität).
Betrachten wir diese 3 Ideen im Folgenden etwas genauer.
Die Anlage: Was wir von Geburt an mitbringen.
Hier gehen wir davon aus, dass Entwicklung von selbst passiert. Das Kind wächst von innen heraus, so wie es angelegt ist. Das geschieht ganz natürlich, ohne dass jemand etwas dazu tun muss. Erziehung wird hier nicht als Hilfe gesehen, sondern eher als Eingriff, der diesen natürlichen Prozess stört oder verändert.
Zum Beispiel hat Pestalozzi diese Meinung vertreten und sie war für ihn wichtig. Heute glaubt kaum noch jemand, dass Kinder sich ganz allein und ganz natürlich entwickeln sollten. Trotzdem kritisieren manche, dass diese Idee heute zu wenig beachtet wird:
«Das Gute im Menschen ist biologisch angelegt und wird durch die Zivilisationsgeschichte fundamental gefährdet.»
Vielleicht wird ebenfalls darauf hingewiesen, wenn gesagt wird, wir sollten wieder mehr Vertrauen haben ins Leben und unsere Fähigkeiten.

Die Umwelt: Die Umgebung, in der wir leben.
Gegenüber der Idee, dass wir uns von innen heraus entwickeln (Entfaltung), steht die Vorstellung, dass Entwicklung durch Kultur geschieht. Das heisst: Erwachsene geben Kindern Wissen, Bräuche und Regeln weiter. Die Kinder lernen sie und machen sie zu ihrem eigenen. Diese Weitergabe von Kultur wird hier als Kern der Erziehung verstanden.
Eltern, Erzieher oder Lehrer wollen Kindern und Jugendlichen wichtige Dinge beibringen – damit sie später gut und selbstständig in unserer Gesellschaft zurechtkommen.
Der grosse Streitpunkt ist: Wie sehen die Erwachsenen die Gesellschaft? Und was halten sie für wichtig, was man Kindern unbedingt beibringen sollte?
Auch diese Ansicht, dass sich Menschen durch ihre Umwelt entwickeln, hat eine lange Geschichte. Manchmal wurde sie sogar sehr stark ausgedrückt: Kinder seien wie „leere Blätter“. Alles, was ein Kind lernt, kommt von aussen. Von der Umgebung, von Erwachsenen, von der Gesellschaft. Genau darauf beruht auch der „programmierte Unterricht“: Man gibt Kindern Schritt für Schritt vor, was sie lernen sollen.

Die Eigenaktivität: Was wir selbst aktiv mitmachen.
„Anlage“ und „Umwelt“ sind zwei extreme Gegensätze: Entweder alles kommt von innen (Anlage) oder alles kommt von aussen (Umwelt).
Bei der „Eigenaktivität“ ist es anders: Die Entwicklung passiert weder nur von allein, noch nur durch Vermittlung von aussen. Stattdessen steht im Mittelpunkt: Das Kind selbst macht aktiv mit durch selbstständiges Denken, Fühlen und Handeln.
Entwicklung wird hier als ein Aufbau-Prozess verstanden: Das Kind baut selbstständig aktiv seine eigenen Denk-, Fühl- und Handlungsweisen auf. Kinder lernen zum Beispiel, was richtig und falsch ist, nicht durch Erklärungen oder Regeln von Erwachsenen. Sondern durch ihre eigenen Erfahrungen im Alltag.

Erst wenn Anlage, Umwelt und Eigenaktivität zusammenkommen, kann Entwicklung passieren.
«Was ist Erziehung?» war unsere erste Frage.
Wir haben angenommen: Das Ziel der Erziehung ist, dass sich ein Mensch entwickelt.
Und wie sich jemand entwickelt, haben wir mit drei Ideen erklärt:
- Was jemand von Geburt an mitbringt (Anlage),
- Was die Umwelt ihm zeigt (Umwelt),
- Und wie das Kind selbst aktiv mitmacht (Eigenaktivität).
Es ist klar: Wir können nicht einfach nur eine dieser drei Ideen nehmen und damit alles erklären.
Entwicklung geht nicht nur darum, dass Erwachsene die Kinder belehren. Das Kind muss selbst mitdenken, mitfühlen und mitmachen – es braucht Eigenständigkeit.
Entscheidend ist: Wie wir Erziehung verstehen wollen:
- Als Belehrung: Wir geben Wissen und Regeln vor, und das Kind soll sie übernehmen. Entwicklung wird extrinsisch, also von aussen, motiviert.
- Als Begleitung: Wir helfen dem Kind, die Welt selbst zu entdecken und Kultur durch eigene Erfahrung zu lernen. Entwicklung wird intrinsisch, also von innen, motiviert.
Auch Betty macht sich viele Gedanken darüber, was Erziehung ist. Sie erzählt uns davon und aus ihrem Familien-Alltag in diesem Blog-Beitrag: Eltern als Vorbild: Und wie Kinder uns spiegeln.
Entwicklung und Erziehung aus intrinsischer oder extrinsischer Motivation?
Intrinsisch motiviert = aus eigenem Antrieb
Das heisst: Wir tun etwas, weil es uns Spass macht, weil wir neugierig sind oder weil wir das Gefühl haben: „Wir können das!“
Solche Handlungen kommen von innen. Sie sind frei und selbstbestimmt.
Extrinsisch motiviert = weil etwas aussen drückt oder lockt
Das heisst: Wir tun etwas, um etwas zu erreichen. z. B. Geld, Lob, gute Note, oder um Ärger zu vermeiden.
Hier fühlen wir uns oft „gezwungen“. Weil andere es erwarten, weil wir belohnt oder bestraft werden.
Kinder scheinen besonders vom intrinsischen Lernen zu profitieren. Sie erleben sich dabei:
- autonom
- fähig
- verbunden
Diese drei Dinge sind grundlegend für jeden Menschen. Sie helfen uns, uns gut und lebendig zu fühlen.
Je mehr die Umgebung eines Kindes ihm erlaubt, selbst zu entscheiden und zu handeln, desto mehr macht das Kind Dinge aus eigenem Antrieb („internale Motivation“).
Und: Je mehr ein Kind aus eigenem Antrieb handelt, desto glücklicher und zufriedener fühlt es sich.
Fazit: Was ist Erziehung?
Es gibt keine einfache Antwort, aber es gibt eine klare Erkenntnis:
Ob wir von „Anlage“, „Umwelt“ oder „Eigenaktivität“ sprechen: Entwicklung und Erziehung brauchen alle drei.
Sie ist kein Eingriff in ein natürliches Wachstum, aber auch kein blosses Weitergeben von Regeln.
Sie ist die Kunst, Raum zu schaffen, damit Kinder ihre eigene Entwicklung entfalten können. Mit dem, was sie mitbringen, mit dem, was sie lernen, und mit dem, was sie selbst tun.
Erziehung gelingt am besten, wenn sie das Kind nicht „extrinsisch“ (durch Druck oder Belohnung) steuert. Sondern „intrinsisch“ (durch Freude, Neugier, Selbstwirksamkeit) anregt.
Denn am Ende geht es nicht darum, ein „perfektes Kind“ zu machen. Sondern ein selbstbestimmtes, glückliches, fähiges Menschsein zu fördern.
Q&A zum Thema: Was ist Erziehung?
❓ Was ist Erziehung?
Erziehung ist kein festes Rezept, sondern ein Prozess. Kinder wachsen durch ihre Anlage, durch ihre Umwelt und durch ihre eigene Aktivität. Ihr Ziel ist die Entwicklung. Erziehung begleitet und regt an.
❓ Was ist das Ziel der Erziehung?
Das Ziel ist die Entwicklung des Menschen. Kinder sollen wachsen lernen und sich verändern. Dafür brauchen sie ihre Anlage, ihre Umwelt und ihre eigene Aktivität.
❓ Wie entwickeln sich Kinder durch Erziehung oder von selbst?
Kinder entwickeln sich nicht nur durch Erziehung. Sie brauchen ihre Anlage, ihre Umwelt und ihre eigene Aktivität. Erziehung sollte sie begleiten, nicht kontrollieren.
❓ Was ist intrinsische Motivation in der Erziehung?
Intrinsische Motivation heisst Kinder lernen aus Freude, aus Neugier oder weil sie das Gefühl haben, sie können es. Sie lernen nicht wegen Belohnung oder Druck. Das macht sie glücklicher und selbstständiger.
❓ Braucht es Erziehung überhaupt?
Ja, aber nicht als reine Belehrung, sondern als Begleitung. Erziehung soll Raum schaffen, damit Kinder ihre Fähigkeiten entfalten können. So werden sie selbstbestimmt, glücklich und fähig.
Weiterlesen.
- Eltern-Selbstreflexion: Die vergessene Grundlage der Kinder-Erziehung
- Eltern als Vorbild: Und wie Kinder uns spiegeln
Verwendete Literatur.
Krettenauer, Tobias (2026). Entwicklung als Ziel der Erziehung: Kohlberg und Mayer (1972). In Boris Zizek (Hrsg.), Grundbegriffe der Erziehungs- und Bildungsforschung. Klassische Bezugstexte kommentiert und kontextuiert (S. 121-147). Weinheim: Beltz Juventa.
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